Kritiken

2010 Weisse Flecken dieser Welt Dr. Lothar A. Blum, Kunstkritiker
2009 Michelangelo - Spiel mit dem Feuer Dr. Stefanie Dathe, Kunsthistorikerin
2009 Mein Michelangelo Timo Goldmann, Kunsthistoriker
2008 Laudatio Peter Killer, Kunstkritiker, Dozent ZHDK
2008 Die wiedergefundene Zeit Dr. Lothar A. Blum, Kunstkritiker
2006 Regelwerke der Natur Rahel Uster, Kulturwissenschaftlerin
2004 Die zwei Gesichter der Carmen Cabert Peter Killer, Kunstkritiker, Dozent ZHDK
2004 Austellung der besonderen Art Alois Hauser, Galerist
2002 Die Malerei der Carmen Cabert Dr. Lothar A. Blum, Kunstkritiker
2001 Carmen Cabert - Künstlerin aus Leidenschaft
Dr. Ruth Vuilleumier, Kunsthistorikerin
1998 Carmen Cabert Steiner Dr. Stefanie Dathe, Kunsthistorikerin





Weisse Flecken dieser Welt Dr. Lothar A. Blum, Kunstkritiker 2010


Ein Geheimnis und doch keines ist er, der Dschungel des Wirklichen. Und damit meine ich nicht jene täglich sinnlich wahrnehmbare Vielheit der großen, mittleren und kleinen Dinge. Nein, es reicht 'ein Ding' und die Vielheit wird geboren durch den Beobachterstandort. Carmen Cabert 'Weiße Flecken' sind ein herrliches, dem Kunstumfeld zugehöriges Beispiel für die Deutungsvielheit eines scheinbar inhaltlich überschaubaren 'Dinges'. In ihrem 2008 erschienenen Bildband über jene weiß bemalten, tobelnahen Baumstümpfe in Bonstetten erfahren wir mehr über Vielgestalt und Wesenswandel von - im ersten Drüberschauen - Einfachem.

Auf die immer wieder gleich gestellte Frage 'Was bedeuten für Sie die weißen Flecken im Wald' lesen wir da von 'Erinnerungen an die Vergänglichkeit' und 'Hoffnungsschimmer der Unvergesslichkeit', vom Gefühl 'in einem Märchenwald' zu sein, von 'einem Deckel obendrauf, der die Schreie erstickt' oder  'Als erstes dachte ich an die Blindenattribute: Sind wir blind oder seid ihr blind?'

Carmen Caberts Kunstwerk trägt mit dazu bei eben jenes immer noch in vielen Köpfen bestehende Geheimnis von der Vielgestalt des sinnlich wahrnehmbaren 'Einen' zu lüften.

Dessen nicht genug, vervielfacht sie in einem an die Bemalung der Baumstümpfe anschließenden Aktionsfeld die Deutungsmöglichkeiten dieses 'Einen' durch der Schnittfläche entnommene Frottagen, durch in Draht gebogene Umrisse der 'Verbliebenen' und in Quader geschnittene Holzklötze der 'Verschwundenen'. Wir werden Zeuge, wie aus dem 'Einen' ein Kosmos geboren wird und erfahren durch Carmen Caberts Kunstwerk den Hauch einer Ahnung vom Kosmos des 'Vielen'.


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Michelangelo - Spiel mit dem Feuer Dr. Stefanie Dathe, Kunsthistorikerin 2009


Ein cooles Pathos zeichnet die Kunst der letzten 20 Jahre aus. Denn sie spart das Leben zu sehr aus. In der internationalen Kunst der jüngeren Generation tritt das persönliche Expressive zurück zugunsten kollektiv erfahrener Konditionierungen.

Umso tröstlicher ist es, dass es doch noch, immer wieder, oft im Verborgenen  Künstlerinnen und Künstler gibt, deren Werke eine ungestüme, durchdringende Kraft aufweisen, die von inneren Notwendigkeiten und persönlichen Erfahrungen berichtet. Eine Kraft, die einen kaum unberührt lässt.

Carmen Cabert, alias Carmen Steiner, zählt zu jenen Künstlerinnen, die zurückgezogen, in der Intimsphäre ihres Ateliers sämtliche Höhen und Tiefen des affektiven und kreativen Schaffens durchlebt. Ihre mit persönlichen Erfahrungen gesättigten Bilder und Objekte berichten über das Erfahrung des Ichs und das Erleben der Zeit beim Malen und Gestalten.

Ich kenne Carmen Cabert schon lange, schon viele Jahre. Durch die Galeriearbeit haben sich unsere Wege in Zürich gekreuzt. Ich habe Carmen Caberts künstlerische Arbeit verfolgt. Mal aus der Nähe, mal aus der Distanz erlebt, mit welcher Entschlossenheit und unbeirrten Radikalität eine stille und zarte, hoch sensible und sinnliche Frau ihre Anliegen offenbart, erprobt und kraftvoll in die Welt trägt.

Während unsere Gesellschaft ständig von Äußerlichkeiten, von Lebensqualität redet, ist Carmen Cabert auf der Suche nach Innerlichkeit, nach pulsierender Lebensintensität. Sie trägt ihre Erforschungen des Gefühls, der Wahrnehmung und des Ausdrucks direkt mit sich, in und durch ihr Kunstschaffen aus, um dabei alle Pathosgrenzen zu ignorieren.
Nur so bleibt sie nicht auf halbem Wege stecken.

Carmen Caberts Kunstwerke bergen jene rasende Schönheit, die lebensspendende Hässlichkeit in sich hat. Denn was wäre ein Feuerwerk ohne Detonation! Das Fließen, Auslaufen lassen und Verwandeln ist von größter Bedeutung, um in verschiedener Hinsicht das Erkenntispotential zu steigern. So gehört nicht nur das Auflehnen, sondern auch das Zurücklehnen, Sich-Treiben und Fallen lassen, das Genießen und Verweilen dazu, sich dem Lebensstrom ohne Dammsysteme hinzugeben.

Carmen Cabert fokussiert bewusst in sich selbst das Prinzip des Künstlerischen, Schöpferischen. Sie ist bedingungslos dabei, sich neugierig in die Essenz hinein zu stürzen, um ihre Fackeln dort zu zünden, wo wir heute ein wenig Licht im Dunkeln benötigen.

„Flirt mit Michelangelo – Spiel mit dem Feuer“ lautet der Titel zu dieser Ausstellung.

Carmen Cabert arbeitet zyklisch, in Serien, die aus der lang währenden gedanklichen Auseinandersetzung mit einem Thema erwachsen.

Ihre jüngste Auseinandersetzung hat sie in die Arme Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simonis getrieben. Jenem bedeutendsten Repräsentanten der italienischen Hochrenaissance. 1474 im toskanischen Caprese geboren und 1564 in Rom gestorben.

Michelangelos Geschichte ist die eines unbeugsamen Willens und fast übermenschlicher Energie, wenn auch sein Wille sich kaum jemals durchsetzen konnte, und seine Energie immer mit den Umständen kämpfte.
Wenn man Carmen Cabert kennt, fühlt man eine verblüffende Verwandtschaft, eine inner Nähe zu jenem Meister, dessen einziges Werk, das er jemals nach einen seinen ursprünglichen Vorstellung vollenden konnte, die Dekoration der Sixtinischen Kapelle war.

Carmen Cabert hat sich die sixtinische Figurenwelt des Michelangelo angeeignet. Sie nutzt sie als bildnerisches Rohmaterial, um sie in der vielschichtigen Überarbeitung zu erobern und zu verfremden. Sie hat den Michelangelo, der im Kulturerbe der Menschheit zu einem kommerziell ausgeschlachteten Allgemeingut geworden ist, zu ihrem eigenen gemacht. Sie zitiert nicht seine Kunst, sie imitiert nicht seine Handschrift, sie eifert nicht seinem Können nach, wie es so viele Künstlerinnen und Künstler vor ihr getan haben. Carmen Cabert tritt mit Michelangelos Bildsprache in einen schöpferischen Dialog, in eine unbekümmerte, malerische Zwiesprache, die ihr einen ganz eigenen Zugang zum Werk des Jahrhundertgenies – ganz ohne Pathos - eröffnet.
In einem dynamischen Prozess der Auflösung und Überarbeitung transformiert sie die fest gefügten Formen und Lineaturen in ein bewegtes und bewegendes Spiel aus  Farbmodulationen, Flächen und Gesten, das sich nur noch auf affektive Emotionen konzentriert. Das zeitlos klassische Antlitz in Michelangelos Personal, nur noch partiell erkennbar, wird zum suggestiven Ausdrucksträger ewig menschlicher Gefühlsregungen wie Liebe und Hass, Glaube und Angst, Hoffnung und Verzweiflung und damit – ich zitiere meinen Kollegen Timo Goldmann: „zu einer Demaskierung der immer währenden Menschlichkeit von Michelangelos Kunst“. Betroffenheit und Faszination, das Interesse am Menschsein und die Suche nach einer direkten Wahrheit sind ihr Antrieb und Inspiration. Carmen Cabert geht es nicht darum, das Unbewusste zu erforschen, sondern ein umfassenderes Bewusstsein zu erstellen, auch mehr über sich selbst zu erfahren.

Der Rhythmus bedingt die Bildkunst.

Es gibt das langsame Schauen, die großzügigen elastischen Schwünge, die in verzögertem Tempo entstanden sind, und die atemlos der Bildvorstellung nachgejagten Gesten. Beim Malen ist der Erfahrungsschatz des Zeichnens verfügbar. Auf der Suche nach einer aus der Malerei gewachsenen Bildhaftigkeit sind es die „Gedankengänge und fühlenden Farben“ – wie Carmen Cabert selber schreibt – die Ihre Kunst zum Blickfang werden lassen.

ZWISCHEN UNTERNEHMUNGSLUST
UND ZWEIFEL
ZWISCHEN FLAMMENSPITZE
UND ASCHE
IN DIESER SCHWEBENDEN
BEWEGENDEN STIMMUNG
REIST SIE DURCH DIE ZEIT

So ist es in Carmen Caberts Homepage zu lesen.

Allein die persönliche Konfrontation mit Michelangelo beweist, dass Carmen Cabert in all ihrer Zeitgenossenschaft eine Künstlerin der Rückbesinnung ist. Carmen Cabert lebt mit und in der Zeit. Sie lebt im Bewusstsein der Vergänglichkeit, die nicht nur Zerstörung, sondern immer auch eine Zustandsveränderung mit sich bringt.  So verdichten und konservieren sich in ihren Aschebildern durch den Vorgang des Verbrennens und durch das Einsetzen der Asche in einem neuen Prozess der Bildgenese Vergangenheit und Gegenwart zu einer neuen Wahrheit. Auch die vielen verschiedenen Objets trouvés aus Natur und Zivilisation, die sie im Laufe ihres künstlerischen Werdegangs gefunden und verarbeitet hat, künden vom unaufhaltsamen Verrinnen der Zeit.

Und in Carmen Caberts Collagen aus Text und Fotografie geht es um gefrorene Momentaufnahmen, die die Kamera konserviert und deren ephemere Atmosphäre die Künstlerin durch assoziativ-lyrische Fragmente gedanklich erweitert.

 Was passiert zwischen den Gedanken - in diesen Zwischenräumen, wo die Welt wohl noch grenzenlos ist? Diese Frage inspiriert mich immer wieder, lässt mich arbeiten, treibt mich voran. erläutert Carmen Cabert in einem ihrer vielen selbstreflexiven Texte zur Kunst.

Schon seit Anbeginn beschäftigt sie die grundlegende Frage nach dem 'Dazwischen', nach den Zwischenräumen zwischen den Gedanken. Was passiert intuitiv in diesem Vakuum? Gibt es diese Zwischenräume überhaupt? Welche Rolle spielen sie in unserer Welt, unserem Leben, unserer Kommunikation? Wie beeinflussen sie unser Denken und Handeln?
Auf der Suche nach der künstlerischen Antwort auf eine hierin verborgene metaphysischphilosophische Grundfrage bewegt sich Carmen Cabert in ihrer Arbeit zwischen Zufall und Vorsehung.
Vorgefasst ist die Idee, der Bildanlass, doch der malerische Weg dorthin bleibt offen. Er ist die unvorhersehbare Komponente, die Vorstellung allerdings bleibt Ursprung und Ziel.
So stehen sich in Carmen Caberts Werk Abstraktion und Realistik dicht nebeneinander. Sie ergänzen sich zu einem untrennbar Ganzen, zu einem Spiegel unserer Sinneswelt.
Carmen Cabert setzt in ihren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion lavierenden Bildweiten die Imagination des Unterbewussten unter der Zensur eines reflektierenden Intellekts direkt ins Bild um. Die spontanen Gesten, als Psychogramme innerer Vorstellungen gedeutet, finden in ihrer Bildsprache mit bewusst gesetzten figurativen Elementen zu einer ungewöhnlich dynamischen Synthese. Intuition und Assoziation werden zu den bestimmenden Ordnungsprinzipien der Malimpulse.
Und die Kunst selbst zu ihrem Lebenselexir.


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Mein Michelangelo Timo Goldmann, Kunsthistoriker 2009

Nur selten geraten künstlerische Auseinandersetzungen mit Michelangelos Werk zum Dialog. Carmen Cabert Steiner ist dies gelungen. In ihren Werken wird nicht zitiert oder paraphrasiert, nicht gedeutet oder gewertet. Carmen Cabert hat Michelangelo auf völlig überraschende Weise zu ihrem Medium gemacht. Sie fordert ihn zum Dialog auf und erhält überraschende Antworten. Sie überformt durch unterschiedliche künstlerische Verfahren Reproduktionen seiner Fresken und setzt sich auf diese Weise mit den reproduzierten Formen und Farben spontan und schöpferisch auseinander. Carmen Cabert findet zu einem subjektiven über die blosse Aneignung weit hinausgehenden Zugang zum Werk des Jahrhundertsgenies und macht ihn damit zu ihrem Michelangelo.

Peter Killer formulierte das anlässlich einer Ausstellungseröffnung so: "Carmen Cabert eignet sich Michelangelo an, macht etwas Eigenes, Subjektives aus etwas Klassischem, Allgemeinbesitz Gewordenem." Durch das subjektive Aneignen, das die Werkgruppe Mein Michelangelo auszeichnet, bietet die Künstlerin aber auch dem Betrachter die Möglichkeit, die oft allzu bekannten und verinnerlichten Einzelmotive der Sixtinischen Fresken, neu zu sehen und für sich subjektiv neu zu deuten.

In Ihren Zeichnungsfolgen entmaterialisiert Carmen Cabert Michelangelos homogene Formen. Die klassische Zeichnung transformiert sie im dynamischen Prozess der schrittweisen Auflösung in ein bewegtes und heterogenes Spiel von Linien und Strichen bis zur Idee zurück. Am Ausgangspunkt, das heisst beim kreativen Ideenkern angekommen, beginnt ein neuer Prozess des Gestaltens. Mit ihren farbigen Liniengespinsten findet sie zu eigenen vollendet schönen Gebilden, deren Abkunft aus den Fresken Michelangelos nur im direkten Vergleich als möglich erscheint. Einen Höhepunkt stellt die Folge von Werken dar, bei denen die Künstlerin die Reproduktionen grossflächig mit dunklen Farben übermalt. Durch partielle Freilegungen entfalten Michelangelos Gestalten eine überwältigende Wirkung. Die Maskierung ihrer zeitlos klassischen Gesichter und Körper führt zum unmittelbaren Sichtbarmachen von ewig menschlichen Gefühlsregungen wie Liebe und Hass, Glaube und Angst, Hoffnung und Verzweiflung und damit zu einer Demaskierung der immer währenden Menschlichkeit von Michelangelos Kunst.

Mein Michelangelo bedeutet für Carmen Cabert aber noch mehr als die Auseinandersetzung mit künstlerischen Mitteln. Viele der Werke transportieren in Form von Aufschriften ihre Gedanken- und Ideenwelt. Durch diese zusätzliche Ebene des Wortes wird für den Betrachter der Arbeiten das tiefe persönliche Verhältnis zwischen der Künstlerin und Michelangelo nachvollziehbar und - für jeden anders - anfassbar.

Die Begegnung mit dem Kraftzentrum Sixtinische Kapelle löst seit Jahrhunderten unterschiedlichste Reaktionen aus. Ehrfürchtiges Staunen oder spontane Ablehnung sind dabei die häufigsten Empfindungen. Schöpferischen Menschen verlangt die Begegnung mehr ab, sie erhalten Impulse, die das eigene künstlerische Schaffen beeinflussen, beleben und intensivieren oder es in Frage stellen und versiegen lassen können. Carmen Cabert gehört ohne Zweifel zu der ersten Sorte Künstler: Ihre Begegnung mit Michelangelo führt über Aneignung und Auseinandersetzung zum schöpferischen Prozess. Mit ihren Werken wird sie zur Vermittlerin.  Michelangelo spricht wieder zu uns und zwar anders als in der gewohnt klassischen mit einer geradezu aufrüttelnden und modernen Sprache. Sie, die Künstlerin wird für uns, die Betrachter, zur Mediatorin ihres Mediums.

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Laudatio Peter Killer Kunstkritiker und Dozent ZHDK 2008


Einen ganz andern Bezug zur Zeit, zu Chronos, hat Carmen Cabert Steiner. In ihren Text-Foto-Arbeiten oder Foto-Text-Arbeiten geht es um Augenblickliches. Der Fotoapparat hält in Sekundenbruchteilen etwas fest. Und die Texte spiegeln eine momentane Gefühlslage. Das Impulsive, Spontane, Emotionale ist der Quell des Gestaltens. Das Resultat sind farbige, vitale, und gleichzeitig auch geheimnisvolle, hintergründige Foto-Textkombinationen.

Zum Teil überschneiden sich diese Arbeiten mit der zweiten Werkgruppe, die hier zu sehen ist. Mit ihren Michelangelo-Auseinandersetzungen. Die Künstlerin ist in den Besitz von grossformatigen wunderschön gedruckten, in den Ramschverkauf gelangten Bildbänden über die Michelangelo-Fresken in der Sixtina gekommen. Carmen Cabert ist also nicht nur eine Künstlerin des Augenblicks, sie wird auch von einer Zeit bewegt, die 500 Jahre zurückliegt. Michelangelo ist für sie ein treuer Begleiter geworden, ein Begleiter, den sie verehrt, aber dem sie auch mit unbekümmerter Respektlosigkeit begegnet. Sie übermalt die Reproduktionen, sie benutzt sie als Rohmaterial für Grattagen, Frottagen und Zeichnungen. Sie eignet sich Michelangelo an, macht etwas Eigenes, Subjektives aus etwas Klassischem, Allgemeinbesitz Gewordenem.

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Die wiedergefundene Zeit Dr. Lothar A. Blum, Kunstkritiker 2008


Aschebild

Durch den Akt des Verbrennens von Gemälden und Zeichnungen der Künstlerin Carmen Cabert, dem Einsammeln der Asche und Übertragen derselben auf eine neue Leinwand entsteht eine einzigartige Verdichtung von Vergangenheit in Gegenwart, entsteht ein Aschebild.

Die wiedergefundene Zeit

Eingebettet in Zeit sind wir. Unentrinnbar dem körperhaften Jetzt unterworfen sind wir. Vorher und Nachher haben nur geistige Eigenschaften, der Sprung ins Körperhafte wird ihnen nie gelingen. Einerseits sind sie auf ewig verurteilt schon gewesen zu sein und andererseits noch nicht da zu sein, doch nie gelingt Vergangenheit und Zukunft die Verschmelzung mit  ‚begreifbarer’ Gegenwart.

Carmen Cabert versucht den Spagat in Sachen Zeit und hievt die Vergangenheit ins Jetzt. Sie materialisiert und verdichtet in ihren Aschebildern. Mir scheint hier liegt einer der seltenen künstlerischen Glücksfälle vor, wo dem gestalterisch Schaffenden der Wandel vom Einzigartigen zum Allgemeinen gelungen ist, ohne das Eine zugunsten des Anderen gänzlich aufzugeben. So wie aus Hahnenfuß,  Löwenzahn, Rispengras, Spitzwegerich, Kuckucksblume und anderen das Allgemeine, nämlich eine Frühlingswiese, wird, so schafft Carmen Cabert aus ‚Roter Regen heute Morgen’, ‚Niemals gelbes Blau’, ,Rastplatz Kuss‘ ‚War so nah’ und vielen anderen durch den Akt des Verbrennens eine Verwandlung zum Allgemeinen, sprich zum Aschebild. Mit der fast widersinnigen und umso mehr beeindruckenden Besonderheit, dass Vergangenheit und Gegenwart in Gleichzeitigkeit dargestellt werden.

Lebt man sich hinein in die Sehnsüchte, Überzeugtheiten, Selbstzweifel der Künstlerin, die das Entstehen der zuvor noch in ursprünglicher Form bestehenden Gemälde und Zeichnungen begleitet haben, kann man erahnen, welch gebündelte künstlerische Echtheit jedem der Aschebilder innewohnt.

Wer das Werk von Carmen Cabert verfolgt, weiss, dass man von ihr immer nur einen Teil zu sehen bekommt. Der Rest, ich will sagen das Wesentliche, ist gut behütet. Doch legt sie Spuren, gibt Hinweise für den Aufmerksamen ihr nachzufolgen in ein Reich voller sinnlicher Abenteuer, in dem es kein absolut Wahres gibt, in ein Reich randvoll mit Sichtweisen, die den Spurenleser begleiten können auf seinem Weg zu sich selbst. 

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Regelwerke der Natur Rahel Uster, Kulturwissenschaftlerin 2006


Eine Besinnung auf das Organische scheint Carmen Caberts neues Projekt zu sein. In bisherigen Arbeiten dominierten schwebende Transparenz in heller, bunter Leuchtkraft oder verschlingendes Dunkel, hervorgegangen aus einem leichtfüssigen Spiel. Die jüngeren Arbeiten wenden sich erdigeren Themen zu; der Zufall wird der Natur überlassen; sie findet ihre Muster, und Carmen Cabert – sich als Teil der Natur verstehend – findet sie in der Natur.

Carmen Cabert nennt diese Arbeiten InforNatik, weil zu Beginn des Projektes eine intensive Auseinandersetzung mit Information in der digitalen Welt in ihren Einzelbestandteilen stattfand. Von der reduzierten Codierung 0 oder 1 gelangte Carmen Cabert zu dem Wort – der Bibel. Und von da zur Schöpfung und deren baren Informationsquelle – der Natur.

Ihr Ort der kreativen Tätigkeit beschränkt sich nicht auf das Atelier; der Raum der Inspiration weitet sich aus auf Orte der Andacht wie Wälder, Kirchen und Endlager für Metalle.

Dabei stellen sich Fragen wie: Was vermag ein einzelner Mensch auszurichten? Wie gross ist seine Wirkungskraft und wo kann er eingreifen? Wie frei ist der Mensch? Oder wie eingebunden ist der Mensch in die vorgegebenen Muster seiner Umgebung – wie eingebunden ist er in jene der Natur?

Die Faszination gilt dem Zufall oder der Regelhaftigkeit der Natur während eines Spazierganges. Hier lässt sich Information aus der Natur holen. Inspiriert von Baumstrunken, vom pechschwarzen Gerippe verkohlter Wurzelansätze, von einem weiblich anmutenden Torso eines Baumes, von feinen Regelwerken pflanzlicher Fasern, von Asche und Staub schimmert immer wieder die Frage durch: "Bin ich Natur oder bin ich mehr?"

Daraus ist ein doppelbödiges Spiel mit und in der Natur entstanden, in dem unklar bleibt, inwiefern die Künstlerin mit der Natur spielt, in sie eingreift oder aber sich als kunstschaffendes Naturwesen in das Regelwerk der Abläufe der Natur einreiht.


Die Frage nach der Frau bleibt auch in der neuen Arbeit Carmen Caberts erhalten und die weiblichen Spuren finden sich in Torsen, (verdeckten) weiblichen Blicken, sorgsamen haushälterischen Sammlungen von zusammengehörenden Restbeständen; sie finden sich auch in einer Frau namens Lilith.

Das Eingebundensein in den Zyklus von Entstehen und Vergehen, um wieder aufs Neue zu entstehen, scheint dem Schaffen der Künstlerin innezuwohnen. Eigens hergestellte Arbeiten werden geäschert, und die Asche dient wieder als Grundlage für neue Ideen. Dogmen und Tabus, die den Ideenfluss hindern, werden damit verbrannt.

Rahel Uster*

* Rahel Uster hat an der Gerrit Rietveld Academie Kunst studiert, ist lizenzierte Politologin und schliesst gegenwärtig einen MA in Kulturwissenschaften und einen MA in Kulturmanagement ab.





Die zwei Gesichter der Carmen Cabert Peter Killer Kunstkritiker und Dozent ZHDK 2004

Als sanfte, stille, umgängliche Person kenne ich Carmen Cabert, die aber jegliche Zurückhaltung verliert, wenn die Rede auf die Macht, bzw. den Machtmissbrauch der Kirche kommt. Aus dem tiefsten Inneren kann die Empörung aus ihr herauslodern.

Die Aufforderung, das Alte und Neue Testament als literarische und philosophische Werke zu lesen, sich bei der Lektüre von konfessionellen Ressentiments abzukoppeln, hat sie vor ein, zwei Jahren ernst genommen und sich im Brockenhaus eine Bibel beschafft, die nicht die einzige geblieben ist. Nicht auf dem Nachttischchen sind diese Bücher gelandet, sondern in ihrem Atelier. Als Einstieg wählte sie den unbiblischsten aller Bibelteile, das Hohelied, einen so poetischen wie erotischen Text. Die Aversion wandelte sich in eine Faszination, die nota bene von Aggression keineswegs frei ist. Bei einigen ihrer gestalterischen Auseinandersetzungen mit der «Heiligen Schrift» reagiert sie auf die unsägliche Gewalt, die einzelnen Menschen oder ganzen Völkern in biblischer Mission angetan worden ist, indem sie gleiches mit ähnlichem vergilt und das «Buch der Bücher» im wortwörtlichen Sinn demontiert.

Im die Bibel umkreisenden Werkzyklus hat Carmen Cabert ein neues Thema gewählt. Aber es ist die alte, janusköpfige Künstlerin Carmen Cabert, die sich hier äussert. In ihrem Gestalten äussert sich seit langem sowohl eine stark ausgeprägte Introversion und eine nicht minder gut ausgebildete Extraversion. Diese Zweigesichtigkeit zeigt sich ganz selten bei Kunstschaffenden. Bei Carmen Cabert stehen zarte, meditative, gespinstartige Frottagezeichnungen heftigen, wilden Malereien, Materialbildern und Objektassemblagen gegenüber. Hier leise, graphische Gedichte, dort aufbegehrerische Werke, die eruptiv aus ihr herausbrechen und oft die Brutalität der Welt und deren unheilvolle Ordnung zu brandmarken scheinen.

Carmen Cabert hat in den Bibeln gelesen, die sie be- und verarbeit hat.
1888 hat der einst so gottesfürchtige Vincent van Gogh seinem Bruder Theo geschrieben: «Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass man den lieben Gott nicht nach unserer Welt beurteilen darf, denn das ist eine Studie, die ihm misslungen ist. Was soll man da machen? - Wenn man den Künstler liebt, dann findet man an seinen misslungenen Studien nicht viel zu tadeln - man schweigt. Aber man hat das Recht, bessere zu verlangen.» - In ihrem Bibel-Zyklus lernen wir eine Carmen Cabert kennen, die nicht schweigen will

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Ausstellung der besonderen Art Alois Hauser, Galerist zum Elephanten, Zurzach 2004

Carmen Cabert Steiner hat ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zur Religion. Aggressiv reagiert sie auf die Institution Kirche, wo diese zum Instrument der Macht und Unterdrückung wird. Gleichzeitig fühlt sich die Künstlerin mit jeglicher Form von Spiritualität verbunden.

In Brockenhäusern und auf Flohmärkten hat sie abgegriffene Bibeln für wenig Geld zusammengekauft, als künstlerisches Gebrauchsmaterial, aber auch zur Lektüre. Sie durchforschte Bibeltexte, vornehmlich aus dem alten Testament. Sie ging zurück auf die «Könige», auf die Verheissungen, führte sich die Psalmen, vor allem aber den geradezu erotischen Text des Hohen Liedes zu Gemüte und versuchte diesen gestaltend zu verarbeiten. Nach eigenen Worten wusch, knetete und klebte sie, strich weg und übermalte was ihr nicht passte. In langen Prozessen kristallisierte sie aus den Bibeln ihre persönliche Essenz heraus. Nach ausdauernder, harter Arbeit - auch einer Auseinandersetzung mit sich selber - hat sie es geschafft, und es eröffnete sich ihr ein neuer «Kreis». So nahm das Projekt «Der achte Tag» Gestalt an.

Dieser Werkzyklus, der sich jetzt vor Ihnen vielgestaltig ausbreitet, kann Sie, falls Sie möchten und Sie sich Zeit dazu nehmen, zu ähnlichen Erlebnissen und Offenbarungen führen, wie die Künstlerin sie erfahren durfte. Wenn ein Mensch zur Einsicht gelangt, dass er nicht immer weiter suchen muss, sondern dass er mitunter auch fündig wird und die Dinge im rechten Moment einfach da sind, man sie nur zu nehmen braucht, dann ist ihm ganz Besonderes zuteil geworden. Suchet und Ihr werdet finden!

Carmen Cabert suchte und fand: Der achte Tag.

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Die Malerei der Carmen Cabert Dr. Lothar A. Blum 2002

Erinnern Sie sich? Gerade beschäftigt mit einer der Wichtigkeiten des Alltags, schiebt sich ein von irgendwo hergewehter Geruch in Ihr Bewusstsein und öffnet Ihnen eine alte, längst vergessene Geschichte aus Kindheit oder Jugend. Sie wollen das verschüttete Stück gelebten Lebens festhalten, doch die Ganzheit des Erlebens verschwindet und was bleibt, ist ein rationales, blutleeres Gerüst aus Fakten. Ist man zum ersten Mal mit den Bildern von Carmen Cabert konfrontiert, nimmt man ein ästhetisch angenehmes Ensemble wahr, dessen Bedeutung in seiner dekorativen Wirkung zu bestehen scheint. Doch: Halt! Diesmal sollte nicht der ansonsten rationellen Informationsverarbeitung vertraut werden, die uns aus psychischen Ökonomiegründen alles innerhalb eines Rahmens als gleich erkennen lässt und jede weitere Differenzierung als überflüssig erachtet. Nein, die Malerei von Carmen Cabert verdient Eintritt zu jenem Bereich, in dem wir bereit sind unsere Wahrnehmungen und Erkenntnisse ins Schwanken bringen zu lassen, eben zu jenen, den wir als 'Kunst' betiteln. Eine solche Auszeichnung verlangt nach Rechtfertigung, zugegeben. Diese gelingt am deutlichsten mit Bildern ihrer 'schwarzen Serie'. Auf den distanzierten Blick beinahe monochrom, entwickeln sie beim Eintreten ins Bild eine virtuose Komplexität voller Deutungsaufforderungen. Nur - und dies ist das Besondere an Caberts Malerei dringen keine Worte an die Bewusstseinsoberfläche des Betrachters wie in anderen Begegnungen mit gegenwärtiger Malkunst. Ich denke dabei beispielsweise an Bilder von Neo Rauch, Luc Tuymans oder Jan Schüler, die zumindest - neben ihrer nicht zu leugnenden emotionalen Qualität - nach dem interpretierenden Wort verlangen. Sozusagen zeitgemäß. Sozusagen ein Entdeckungsverlust durch zu klares definieren, Caberts Bilder leiten den Betrachter geradewegs zu sich selbst, zu jenem Kosmos, der jedem von uns eigen ist, öfters dunkelig denn hell, meist verschüttet, wesentlich platzgreifender als wir uns zugestehen, aber immer - sofern es uns gelingt die Eingangstür zu finden - prickelnd und abenteuerlich, vielleicht ein wenig sentimental. Bitte, nicht falsch zu verstehen, es gibt und gab deren genug Maler, die in raffinierter Art und Weise den Weg ins Innere auszulösen verstehen, ein Aspekt, der der Malerei immer ihre Rechtfertigung in der Kunstlandschaft sichern wird. Jetzt, früher und im noch zu Begegnenden. Caberts Leistung - in diesem Zusammenhang - beruht in der offerierten Vielzahl von Assoziationsaufforderungen zu ein und demselben Bild. Sie liebäugelt mit unserer Verdammnis zur Mustererkennung. Mittels dieser Wahrnehmungseigenschaft öffnet sie uns - je nach Augenblicksbefindlichkeit - verschiedenste Fenster zu unserem Innenleben, ist somit ausgeprägt betrachtungssubjektiv. Ein Bild: Durch vielfach schattiertes Grauschwarz schlängelt sich ein Rot, das bald zurücktritt um einem Grün, einem Blau für Momente den Vortritt zu lassen. Die Farbe tritt sanft auf, um nicht zuviel pompösen Krach zu verursachen. Nichts dominiert. Das Bild ist Ganzheit. Es findet keine Zergliederung statt und wir, die Rezipienten, sind es, denen - in unheimlicher Dichte - aufeinander folgend Türen zu jenem am Beginn beschriebenen Reich geöffnet werden. Caberts künstlerische Leistung besteht - und dies sollte ihr in der malenden Kunstlandschaft einen Platz sichern - im Gestalten von Bildkompositionen, die sich sofort durch scheinbare Einfachheit anschmiegen, doch schon bald ein chamäleonhaftes Eigenleben entwickeln, das nur entfernt intersubjektiv erfasst werden kann, sondern ganz dem Einzelnen und seiner Vergangenheit angehören.

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Carmen Cabert - Künstlerin aus Leidenschaft
Dr. Ruth Vuilleumier 2001

Carmen Cabert - Künstlerin, Kunstschaffende aus Berufung, leidenschaftlich kreativ, Träumerin zwischen den Welten, erfinderisch. Ideen umsetzen ist für sie wie atmen. Sie lebt durch ihre Kunstwerke, die in Technik, Materialien und lnhalten immer wieder überraschen. Mit Leichtigkeit scheint sie je nach Lust und Laune von einem Medium zum andern zu wechseln, und doch ist ihre künstlerische Handschrift deutlich, es ist immer wieder Carmen Cabert, die ihren vielen verschiedenen Facetten Ausdruck verleiht. Eine Tänzerin zwischen den Welten, einmal hier als politisch und sozial engagierte, einmal dort als feine lyrische Farbenerzählerin. Dann wieder als klar strukturierte abstrakte oder bewegte und bewegende Malerin. Oder auch spielerisch, wortschöpferisch, die Grenzen überschreitend. Auch Erschafferin dreidimensionaler Objekte, Assemblagen, Collagen aus verschiedenen Materialien.
Die überbordende Kreativität von Carmen Cabert, wo anfangen, wie einordnen oder wie Blumenkistchen zu Kunstkistchen werden. "Bewegung aus dem Moment, bewegte Mitte, spielen, vibrierende Linien was passiert zwischen den Gedanken, wo die Welt grenzenlos ist -" sind ihre eigenen Worte und Gedanken.

Noch in den 80er Jahren stand die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen im Vordergrund, zum Beispiel 1989 der MauerfaIl, dann auch Europa, Nationalismus und Gen(Gender/Gattung) mani (Geld) pull (ziehen) aktion (Aktion). Gedankengebilde, Wortspiele umgesetzt als Objektkunst, Nagelbilder, Assemblagen, Ready made. Aufgereihte Köpfe aus Styropor - der Gedanke, die Gesellschaft zum Kunstwerk verarbeitet. Grundlagen aus Josef Beuys Kunst-Labor! Das war Carmen Caberts Einstieg und heute noch einer ihrer zahlreichen künstlerischen Facetten, wo sie sich Luft verschafft, wenn sie sich von den Geschehnissen und gesellschaftlichen Problemen der Welt überrollt fühlt.

Carmen Cabert, die autodidaktisch, aus innerem Drang schon früh zur Künstlerin wurde und sich an verschiedenen Hochschulen für Kunst weiterbildete, stellt ihre Bilder und Skulpturen seit 1986 regelmässig in Galerien aus. Ihr erstes grosses Vorbild war Angelica Kauffmann. die unabhängige, kosmopolitische Künstlerin des 18. Jahrhunderts, deren Vater aus dem Vorarlberg herkam, aus der gleichen Gegend wie Carmen Cabert selbst. Schon als Kind nähte sie für sich und ihre Schwestern ohne Vorbild oder Modell Kleider im eigenen Stil. Die glücklichsten drei Tage ihres Lebens verbrachte sie als 16jährige allein und eingeschneit auf einer Maiensäss. Hier erfuhr sie erstmals die absolute Ruhe und Verbundenheit mit sich, der Natur und dem Universum. Dieses All-Eins-Sein war ein spirituelles Schlüsselerlebnis, das sie ihr Leben lang, besonders auch als Künstlerin begleitet. Dies ist die Quelle aus der sie ständig schöpft Der Rückzug zur eigenen Mitte, wo sie in sich Geborgenheit und künstlerische Inspiration findet.

Trotzdem, der Weg und das Selbstverständnis als Künstlerin fällt ihr nicht immer leicht. Da sind einmal die eigenen hohen Ansprüche an Perfektion, die tausend Ideen, die sich nicht alle gleichzeitig umsetzen lassen, wo es Geduld und Reifung braucht, dann aber auch die herkömmlichen Techniken, die nicht immer ausreichen. Und genau hier öffnete ihr die Auseinandersetzung mit dem Werk von Max Ernst eine Tür. Max Ernst, ein heute offiziell anerkannter Künstler, der mit der Materie so spielerisch leicht und unkonventionell umging mischte, was man eigentlich nicht mischte - das war für Carmen Cabert der eigentliche Durchbruch. Endlich konnte sie sich von den eigenen einengenden Vorstellungen bezüglich Materialien und Techniken befreien. Collagen, Frottagen, Schriften, Zeichnungen, die auch Geschichten erzählen, fanden fortan Platz in ihrem Werk.

Da gab es aber auch noch die Angst vor der bunten Farbe. Also beschränkte sie sich anfänglich auf Schwarz- Weiss. Dabei entstanden die ersten monochromen Abklatschbilder (Decalcomanie) meist in Serien. Das heisst, die Künstlerin malt zuerst ein Bild, eine Farbform auf eine Glasplatte, und klatscht dieses dann auf spezielles Glanzpapier. Diesen Farbabklatsch bearbeitet sie dann weiter, indem sie vorsichtig die Farbe auf der glatten Oberfläche ausfliessen und sich ausdehnen lässt, jede Fliessbewegung scharf beobachtend, denn solche Bilder lassen absolut keine Korrekturen zu. Dann setzt sie einzelne feine Pinselstriche wie feines vibrierendes Nervengeflecht hinzu. Solche Bilder sind in kalten Dezembernächten entstanden. In tief leuchtendem Schwarz-Weiss wie Röntgenbilder, geisterhaft, faszinierende dunkle Welten.

Doch der Frühling folgt unweigerlich auf den Winter und damit auch das Bedürfnis nach Farbe. Carmen Cabert benutzt nun für dieselbe Technik auch intensive bunte Farben, Gelb, Blau, Rot, leuchtend, durchscheinend, geheimnisvoll. Zarte und zugleich kräftige Bilder entstehen, geben Einblick in andere Welten und Dimensionen, regen den Geist des Betrachters an, inspirieren selbst zu träumen und sich für einen Moment zu vergessen. "Poesie zwischen Dir und mir" ist einer der Bildtitel.

Carmen Caberts neuere Werke basieren auf ihren reichen künstlerischen Erfahrungen. Doch dehnt sie nun die ursprünglich eher kleineren Formate aus und bemalt grössere Leinwände bis etwa ein Quadratmeter in starken Acrylfarben. Mit der kräftigen Pinselführung unterstreicht sie die Malbewegung, bezieht den momentanen physischen Malprozess ins Bild mit ein und macht ihn als künstlerischer Akt sichtbar. Die Palette reduziert sie auf wenige, einzelne Farben. Diese aber schichtet sie sorgfältig teilweise monochrom Übereinander, so dass besonders auf Distanz hin betrachtet die Bilder ein inneres Leuchten ausstrahlen und aus der Tiefe heraus wirken. Im Zentrum stehen neben der Farbkomposition auch Linien, Kreise, Farbtupfen, Drehbewegungen, Kreisbewegungen, Rundungen, Liniengerüste, horizontale Linien, vertikal aufsteigende und abfallende Linien, klare Linien, schwingende Linien, vibrierende Linien, Diagonalen, Linien als unmittelbarer Ausdruck von Bewegung, Strukturen von Wabenformen, Quadratschichtungen- Denkstrukturen in Farbe umgesetzt, gleichzeitiges, vernetztes Denken sind dafür hintergründige Themen. Aber auch immer wieder Ausblicke, Gucklöcher in helle Ferne, Musik als Inspiration, "Gesänge der Frühe" als Bildtitel. Oder dann Schriftzeichen als weiteres Gestaltungsmittel mit uns geläufigen Schriften, aber ebenso mit Keilschrift oder binären Zeichen aus der Computersprache.

Die Lust am Experimentieren mit verschiedenen Materialien ist für Carmen Cabert grenzenlos. Sie sammelt leidenschaftlich gerne Steine - nomen est omen - aber auch andere unscheinbaren oft achtlos weggeworfenen Materialien. So füllt sie Blumenkistchen kunstvoll mit verschiedenen Steinen und thematisiert ihre neuen "Kunstkistchen" beispielsweise als "Familie" oder "Frau", Assemblagen" gestaltet aus Nägeln) Messern, Gitterrollen werden zu politischen Themen, Holzrindenstücke zu Schriftrollen, Pflanzenfasern zu Lebensadern, Baumschwämme zu menschlichem Hirn. Dabei entstehen durchaus auch dreidimensionale Gebilde, wie beispielsweise feiner Maschendrahtzaun spiralförmig aufgerollt mit aufgehängten grossen Glastropfen als kunstvoller Leuchter. Oder sie gestaltet aus Glassplittern transparente, mosaikartige Bilder und ergänzt sie mit Farbkombinationen.

Auch Computerteile werden zur Quelle der Inspiration - Eines der letzten Werke heisst "Bit and Bytes", Hier spielt die Künstlerin mit CD-ROM. Klebt sie mit verschiedenen kräftigen Farben nebeneinander auf einen Grund, so dass das Mittelstück materiell gefärbt erscheint. Bei entsprechender Beleuchtung werden diese "CD-ROM-Bilder" zu lebenden Kunstwerken. Die metallisch glänzenden runden Oberflächen spiegeln die Färbung des Mittelteils, brechen und beugen sie prismatisch. Bei jeder Bewegung des Betrachters erscheint eine neue Farbkombination, eigenständige, sich verändernde Reflexbilder. Lebende, bewegte Mitte, nennt sie die Künstlerin.

Eine weitere Liebhaberei ist ihr Garten, der regelmässig kunstvollen Zuwachs erhält sei es übergeheimnisvolle Tonskulpturen in Büschen und Blumenbeeten oder über Wollfadenskulpturen an Bäumen und Gartentoren. Ich wünsche Carmen Cabert Steiner, dass ihr ihre vielen Ideen noch lange nicht ausgehen und dass ihre Werke den Weg zu den Kunstfreunden finden.

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Carmen Cabert Steiner
Dr. Stefanie Dathe 1998

Material und Technik

Die Malerei fasziniert Carmen Cabert seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr. In ihr findet sie jenseits unserer begrenzten verbalen Kommunikationsmöglichkeit ihre Sprache, Gedanken, Gefühle und Ideen auszudrücken. Doch auch verschiedene andere Arbeitstechniken hat sie in ihrer künstlerischen Laufbahn im Hinblick auf Möglichkeiten und Grenzen ausgelotet. Heute bestimmen die Collage unter Verwendung der unterschiedlichsten "objets trouvés", das zeichnerisch überarbeitete Aquarell in Acryl- und Gouachefarben auf Chromolux-Papier sowie die gestische Abstraktion Carmen Caberts Bildsprache. In zwei- oder mehrteiligen Werkgruppen erarbeitet sie einen breiten Variantenreichtum zu einem gewählten Bildthema.

Carmen Caberts jüngste Bilder auf Malplatte werden von Ausdrucksfarben und elementaren zeichenhaften Formen und Bewegungen vor oder in monochromatisch gefassten Bildfeldern beherrscht. Mitunter fehlen die Zeichen und eine linear unterteilte Bildfläche bleibt mit der Wirkkraft ihrer Farbmodulation auf sich alleine gestellt. Die Farbakzente der intuitiv gesetzten Zeichen stehen stets in einem auffallenden Kontrast zur Grundfarbe der Bildfläche. Carmen Cabert erkennt in den farbigen Grundtönen ihrer Bilder eine suggestive Wirkungsebene, die sie gezielt einsetzt.

Bildsprache und künstlerisches Anliegen

Es sind Bildzyklen, entstanden aus der lang währenden gedanklichen Auseinandersetzung mit einem Thema, die Carmen Steiners Oeuvre prägen und ausmachen. Selten sticht ein inhaltlich und formal unabhängiges Einzelstück heraus. Titel zu jenen Serien wie "Bewegung" und "Öffnung", "Poesie zwischen Dir und mir", "Gedankenquellen" und "Levitation" sprechen von tiefgehenden emotionalen und intellektuellen Vorgängen und Auseinandersetzungen. Immer wieder beschäftigt Carmen Cabert die grundlegende Frage nach dem 'Dazwischen', nach den Zwischenräumen zwischen den Gedanken. Was passiert intuitiv, unter- oder sogar unbewusst in diesem Vakuum? Gibt es diese Zwischenräume überhaupt? Welche Rolle spielen sie in unserer Welt, unserem Leben, unserer Kommunikation? Wie beeinflussen sie unser Denken und Handeln?

Auf der Suche nach der künstlerischen Antwort auf ein hierin verborgenes metaphysischphilosophisches Grundproblem bewegt sich Carmen Cabert in ihrer Arbeit zwischen Zufall und Vorsehung. Vorgefasst ist die Idee, die Vorstellung vom Bildmotiv, das sie realisieren möchte, doch der malerische Weg dorthin bleibt offen. Er ist die unvorhersehbare Komponente, die vorgefasste Idee bleibt Ursprung und Ziel. Abstraktion und Realistik stehen dicht nebeneinander und ergänzen sich zu einem untrennbar Ganzen - Abstraktion und Realistik als Spiegel unserer unbewusst - emotionalen und bewusst - rationalen Gedankenwelten.

Trotz aller thematischen Bildzyklen ziehen sich repetitive Symbole wie ein roter Faden durch viele Phasen in Carmen Caberts Werk. Die 8 als Zeichen des Absoluten, Unendlichen sowie die V-Form als Symbol für Sieg und Frieden und erotische Metapher seien hier ebenso genannt wie die Zahlen 0 und I. Ungegenständlich Wahrgenommenes wandelt sich zu konkret fassbarem. Menschliche Kopf - und Körperformen werden in den "Gedankenquellen" vom Betrachter erkannt und doch wieder verworfen. Organischvegetabile Formen und Bewegungen in den "Öffnungen" wecken Erinnerungen an körperliche Zellstrukturen und Nervensynapsen, um doch wieder zu malerischen Chiffren reduziert zu werden. Als intensive Farbakzente illustrieren sie nicht nur pulsierendes Leben, sondern suggerieren auch räumliche Tiefe und Strömungsbewegungen. Ihre Verteilung auf dem Malgrund variiert zwischen zufällig - beliebig und schablonenhaft - korrekt.

In Carmen Caberts malerischem Werk findet sich keine streng organisierte, gesetzmässige und folgerichtige Formstruktur, keine berechenbare Flächenaufteilung, ganz im Gegenteil. In ihren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion lavierenden Bildweiten setzt sie die Imagination des Unterbewussten unter der Zensur eines reflektierenden Intellekts direkt ins Bild um. Die spontanen Gesten, als Psychogramme innerer Vorstellungen gedeutet, finden in der Bildsprache Carmen Caberts mit bewusst gesetzten zeichnerischen und figurativen Elementen zu einer ungewöhnlich dynamischen Synthese. Während Carmen Cabert in der Farbgewalt und den intuitiven Bildanordnungen die emotionalen Komponenten ihrer Malerei ausleben kann, entwickelt sich die endgültige Formgebung über die inhaltliche Bildintention. Intuition und Assoziation werden zu den bestimmenden Ordnungsprinzipien der Malimpulse.

Und letztlich bleibt die Ungewissheit - sei es in der geheimnisvollen Wechselwirkung der Symbole und Formen, sei es im Zusammenspiel der Gedanken und Inhalte - ein von Carmen Cabert Steiner thematisierter Grundzug unserer Existenz.

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