Betroffenheit, Faszination, Möglichkeit

Ernst Schlatter Anzeiger Affoltern a.A. 22.10.04

Nein eine einfache Frau ist sie wahrlich nicht, diese Künstlerin und sie macht es sich selber auch nicht einfach. Vor zwei jahren schon hat sie mir erzählt, dass sie sich in die Texte des alten Testaments -vor allem ins Hohe Lied von Salomo - richtig gehend "verbissen" habe. Obwohl sie ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zur Religion hat und häufig aggressiv auf die Institution Kirche reagiert, dort wo diese zum Instrument der Macht und Unterdrückung wird,fühlt sich die Künstlerin mit jeglicher Form echter Spiritualität verbunden. In langen Prozessen kristallisierte sie aus den Bibeln - in Brockenhäusern und auf Flohmärkten hat sie abgegriffene Bibeln zusammengekauft - ihre persönliche Essenz heraus.

Der achte Tag, an dem ein neuer Schöpfungsprozess beginnt. Besonders angezogen haben sie die Bücher Salomo. Sie hat die Texte im wahrsten Sinne des Wortes "auseinander-genommen", geknetet, als Collagen geklebt, Texte weg gestrichen und übermalt, was ihr nicht passte. So hat sich für sie nach langer, ausdauernder, harter Arbeit, die auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst erforderte ein neuer Kreis eröffnet: Das Projekt "Der achte Tag" nahm Gestalt an. Ein Teil dieser Arbeiten ist in der Ausstellung der Galerie zum Elephanten in Zurzach zu sehen.

Grossformatige Energieausbrüche, grossformatige abstrakte Bilder, häufig in kräftigen Rottönen offenbaren poetische Leichtigkeit, doch zeigen sich dabei auch die dunklen Seiten der Liebe. Und da hängen kleine skizzenartige Bleistiftzeichnungen und Frottagen, die dokumentieren, wie Carmen Cabert den Dingen "auf den Grund" geht. Der auslösende Moment, ein neues Werk zu schaffen ist bei ihr Betroffenheit und Faszination. Vorgänge in der Umwelt wie auch in ihrem eigenen Innern bestimmen ihre Reaktioin, bilden die Basis der gedanklichen Auseinandersetzung und schliesslich der künstlerischen Umsetzung. Für sie sind die Verdichtungen, die sich in Bildern und Worten ergeben ein Akt der geistigen Befreiung.

Neben geheimnisvoll Verschlossenem, ganz besonders eigen-artig sind ihre neuen Objekte. In Einmachgläsern verpackt sind Schriftrollen, Papierknäuel aus Bibelseiten, die Energie der durcharbeiteten Texte konservierend - unantastbar - da auch die Dornen, das Sperrige, das man nicht in die Hand nimmt. Geheimnisvoll, wie auch die verkohlten Schrifttafeln, auf denen einzelne Worte entzifferbar sind aber eine Deutung offen lassen.