Schneckengeschichten

Alle sind herzlich eingeladen die Geschichte weiter zu spinnen!

Klamme Philosophie

Feucht mag ich es. So richtig schön feucht und nass. Paah, was Sie jetzt schon wieder denken! Ich meine diese elegante Feuchtigkeit, die sich nach einem feinen, feenglitzernden Nieselregel wie eine sanfte Umarmung an die Blätter schmiegt, sich in irrlichternden Rinnsalen um die knorrigen Ausbuchtungen alter Rinden entlang schlängelt, sich zu grossen Tropfen zusammenrauft und die zarten Grashalme am Boden sich anmutig biegen lässt. Das Licht bricht sich in diesen ach so vergänglichen Diamanten und macht aus der grünen, erdfarbenen Welt ein ständig wechselndes, pittoresk schimmerndes und glitzerndes Wunderland. Oder dieser kräftige Sommerregen! Von den launischen Winden getrieben, schwenken seine nassen Bindfäden mal in die eine, dann wieder in jene Richtung. Er zupft und rupft am Blattwerk, seine feuchten Fingen strecken sich nach den kleinen Ästchen, die sich am Boden zu bizarren Kunstwerken zusammen finden. Wie von Zauberhand gestaltet sich die Welt im Kleinen ganz neu und hält Überraschungen für jeden bereit, der genau hinzuschauen vermag. Eine träumerische Wandlung zu unvorhersehbarer Schönheit.Tausendfach schöner als diese erbarmungslosen, gleissend weissen Sonnenstrahlen, unter denen sich die Leiber der Behaarten langsam brutzeln lassen. Die dörrende Haut wehrt sich verzweifelt und dann kapitulierend traurig errötet. Dieses grelle Licht, das zerstört, langweilig gleichbleibend nicht annähernd Anmut schenkt und ganz und gar nichts Verträumtes an sich hat.Sie heben erstaunt Ihre rechte Augenbraue? Wundern sich, wie jemand ganz und gar diesem grausamen Zentralgestirn entsagen kann? Ach, ich vergass. Wie unhöflich von mir. Mein Name ist Gglubbichtroswam und ich bin – eine Nacktschnecke.

Marie-Eve Hofmann-Marsy


Ich, der ungeheure Turm über dir, nein dein Ungeheures an sich, dessen breite schwarze Schuhspitze dein letzter Anblick sein könnte, bin fremd.  ".... diese elegante Feuchtigkeit, die sich nach einem feinen, feenglitzernden Nieselregel wie eine sanfte Umarmung an die Blätter schmiegt, sich in irrlichternden Rinnsalen um die knorrigen Ausbuchtungen alter Rinden entlang schlängelt, sich zu grossen Tropfen zusammenrauft und die zarten Grashalme am Boden sich anmutig biegen lässt ..." Wann war ich dort? In jenem Reich? In deinem Reich? War ich je dort? Könnte ich denn dort sein? Meine zusehends sehschwachen Augen schaffen kaum mehr den Seitwärtsblick, sie sind dem Allgemeinen, dem Wesentlichen untertan. Deine geliebte Feuchte ist mir nur ein übler Färber auf meinem unendlichen Marsch. Kaum angekommen, ködert mich ein nächstes Wertvolles. Ein erreichtes Ziel birgt schon das nächste in sich. Ich bin Gefangener dieses einen Unendlichen. Du kannst sie nicht hören, meine tonlosen Hilfeschreie der unsatten Sattheit. Wie auch, da ich doch dein Ungeheures bin! Du, Gglubbichtroswam, du Nacktschnecke, was würdest du für ein Mensch? Und ich, mit der breiten schwarzen Schuhspitze, dein Ungeheures, was würde ich für eine Nacktschnecke?

Lothar A. Blum


In Carmens zauberhaftem Garten ist mir wohl, obwohl viele meiner Nachkommen, 650 000 jährlich, ihr Leben lassen, wenn sie uns genervt mit allen unmöglichen Methoden uns zu Leibe rückt. Doch sie ist nicht verrückt genug Schneckenkörner zu streuen. Ihre glorreiche Idee, uns Kunstsalat einverleiben zu lassen ist das spannendste Abenteuer, das ich je erlebt habe und jetzt erlebe. Letzthin ist sie mit einem Zungenbrecher durch den Garten gelaufen. Der geht so: SCHNECKEN ERSCHRECKEN / WENN SCHNECKEN AN SCHNECKEN SCHLECKEN / WEIL ZUM SCHRECKEN VIELER SCHNECKEN / SCHNECKEN NICHT BESONDERS SCHMECKEN. Ich habe selten so gelacht. Da hat sie recht, trotzdem fressen wir unsere toten Artgenossen, der Ordnung halber, fast alles fressen wir nur um Ordnung zu machen.
Kürzlich hat die Marlies Achermann der Carmen erzählt, dass sie als Kind Nacktschnecken geschluckt hat, um ihr Taschengeld aufzubessern. So unbekömmlich sind wir wohl doch nicht, igitttt. Ach ja und die Ulrike Heer hat ihr erzählt, dass sie Honig aus uns gemacht hat. Ihre Gäste fanden ihn gut, bis sie wussten, dass sie uns verkosten. Wenn man uns in Zucker auflöst, sollen wir heilsam für den Magen sein. Ob es ein Unterschied macht, was wir vorher leckeres gefressen haben?

Carmen Cabert


Also alles vertragen wir wirklich nicht! Meiner Cousine wurde es schrecklich schnecklich schlecht, nachdem sie einen Akt angeknabbert hatte. Dabei ist Adelheid so kunstbeflissen – und sonst eher prüde. Onkel Vincent hat einem Porträt das Ohr abgefressen – niemand konnte ihn verstehen. Onkel Leonardo hat sich das auf der Webseite beschriebene Abendmahl 2016 so ganz anders vorgestellt als ein profaner Teller mit Salatblättern. Vetter Claude würde lieber ein Bild mit einem Seerosenteich vertilgen. Mein Freund Michelangelo fragt sich, weshalb in diesem Museum keine Skulptur von einer muskulösen Nacktschnecke gezeigt wird. Überhaupt, wir wundern uns, dass das Ganze nicht als FKK Museum „gebrandet“ wird, wir sind schliesslich Nackt-Schnecken. Darauf sind wir stolz. Was lief doch damals unter dem Deckmantel „Kunst“ auf dem Monte Verità , womit Leute wie Hugo Ball und Hans Arp die Bünzlis schockieren wollten. Vielleicht sollten wir auf dem Islisberg bekleidet herumschleichen und so die Leute vor den Kopf stossen. Schwierig ist es aber, in einem enganliegenden kleinen Schwarzen elegant über Kies zu gleiten – das Ding streift sich wie von selbst ab. Vielleicht sind wir deshalb Nacktschnecken, weil unsere Körper Hosen- und Spaghettiträger ignorieren und man nie weiss, wo man den Gürtel verorten soll? Zudem müssten wir immer ein Paar Schuhe kaufen, dabei haben wir nur einen Fuss, Hüte sind ganz unpraktisch, wir brauchen die Fühler zu anderem als zum Halten von Hüten...

Regula Zellweger, www.altwerden-spaeter.blog


Der Gesang der Nacktschnecke

Ihr alle kennt von Ringelnatz
den berühmten Schneckensatz:
„Wenn du einen Schneck behauchst,
kriecht er ins Gehäuse,
wenn du ihn in Cognac tauchst,
sieht er weiße Mäuse.“
Mit dem Gehäuse - das ist nun vertrackt,
denn wir sind bekanntlich rundherum nackt!

Drum: unser Ego ist ziemlich komplex,
das der Schnecke noch mehr als jenes des Schnecks.
Wir lassen zurück eine schleimige Spur
nach Millionen Jahr’ alter Geheimrezeptur.
Speziell zu erwähnen ist unser Geschlecht,
denn manchen von uns ist beides sehr recht,
wir sind da nicht so festgelegt
(was Zoologen sehr bewegt),
wenn’s ums Kinderkriegen geht.

Was dann auch im Brockhaus steht,
ist uns’re Neigung zum Salat,
wohl dem, der stets zu fressen hat!
Besonders hier am Lüttenberg.
im musealen Meisterwerk,
sind wir sehr willkomm’ne Gäste,
und feiern gern Salatfressfeste.
Wir danken für die Gastfreundschaft,
die obendrein Kultur erschafft!

Martin Knitsch