ohne Worte - das Bild wirkt

Ohne Worte – das Bild wirkt
Ausstellung mit Werken von Carmen Cabert Steiner in Kappel

Am Anfang war das Wort – heisst es in der Bibel. Doch was wäre, wenn sie niemand gelesen hätte? Carmen Cabert Steiner hat sie gelesen. Darüber gebrütet. Sie über Jahre auf sich wirken lassen und sich darauf eingelassen.  Entstanden sind Bilder und Objekte, die jetzt im Kloster Kappel zu sehen sind.

Von Regula Zellweger

Das Buch der Bücher ist keine leichte Kost und es braucht eine gute Motivation, um über tausend Seiten dranzubleiben. Carmen Cabert hat die Bibel gelesen und damit wichtige Prozesse in ihrer Persönlichkeitsentwicklung ausgelöst.
Vor 15 Jahren bereits befasste sie sich intensiv mit der Bibel. Wie in einer Spirale kam sie immer wieder zu diesem Thema, mit zunehmender Lebenserfahrung um eine Entwicklungsebene höher. «Mein philosophisches Interesse am Menschsein, der Suche nach Wahrheit, meine Auseinandersetzung mit Dogmen und Manipulation und mein religiöses, spirituelles Empfinden haben mich zu diesem Thema geführt. Anfänglich emotional, inzwischen differenzierter, ein äusserst spannendes Thema, immer wieder, weil es zu intensiven Diskussionen und zum Weiterdenken anregt.»

Der Kreis öffnet sich

Im Kloster Kappel sind Zeichnungen, Bilder und eine Installation im Kreuzgang zu sehen. Titel der Installation: «Halt, lueg, gang! Nur ein Kreis, der sich öffnet, wird zur Spirale.» Carmen Cabert Steiner liebt Wortspiele. Beispielsweise zitiert sie die Bibel zu Ihren Bildern – verdreht aber die Reihenfolge der Wörter, dass unendlich viele neue Deutungen möglich sind. Sie übernahm für ihre Installation «Stop, look, go», übersetzte auf Schweizerdeutsch und erklärte mit einem Bibelzitat: «Steh auf und nimm dein Bett und geh hin!» Jesus sagte diesen Satz nach der Heilung des Gelähmten. Transformiert hat Cabert Steiner diesen Satz, indem sie Metallbettfedern, Spiralen, mit Seiten aus einer Bibel umwickelte.
Zimperlich geht die Bonstetter Künstlerin nicht mit der Bibel um, weder in der Interpretation noch physisch: Sie schuf einige Objekte aus alten Bibeln und Gebetsbüchern und herausgerissene brauchte Bibelseiten auch als Elemente ihrer Collagen.

Kartäuserkloster Ittingen
Im Sommer 2018 machte Cabert Steiner einen sechswöchigen Arbeitsaufenthalt im Künstler-Atelier des Klosters Ittingen. Hier nahm sie wieder ihr Bibel-Projekt auf und arbeitete konzentriert daran. Es entstanden viele Zeichnungen, Frottagen und Bilder – eigentlich als eine intensive Vorbereitung auf die aktuelle Ausstellung in Kappel.

Bei der Auswahl der Werke für die Ausstellung hat sich die Künstlerin Gedanken zu den verschiedenen Ausstellungsräumen gemacht. Im Eingangsbereich findet sich beispielsweise das Bild «Offenbar», in der Bibliothek hängen vier Bilder mit dem Obertitel Sanftmut», im Café abstrakt gezeichnete Gebete, im Abtkeller Gemälde zum Hohelied der Liebe, inspiriert durch Luthers manchmal deftige Sprache, und in der Stehbar haben sich Werke zum Thema «Zusammenstehen, biblische Gestalten, wir auch» versammelt.

Vernissage
So vielfältig die Töne und Geräusche waren, die Peter Landis an der Vernissage seinem Saxophon entlockte, so vielseitig sind die Techniken und Materialien, die Cabert Steiner mit ihren Werken unter dem Titel «Ohne Worte – das Bild wirkt» in Kappel zeigt. «Ganz ohne Worte komme ich als Pfarrer nicht aus», begann Volker Bleil, Theologischer Leiter Kloster Kappel, seine Vernissage-Rede. Er erzählte von seiner Begegnung mit der Künstlerin in ihrem Atelier. Besonders beeindruckt hat ihn der Ausdruck «Bibelzorn», den Cabert Steiner im Gespräch erwähnte. Er selbst liess sich vom ungewöhnlichen Zugang der Künstlerin zur Bibel inspirieren und wünscht allen Betrachtern Zeit und Musse, um sich mit den bibelnahen, bibelqueren und bibelkritischen Werken der Künstlerin auseinanderzusetzen.